Angedacht am 14. Februar

Liebe Lesende,
„Brich mit den Hungrigen dein Brot
und die, so in Elend sind, führe ins Haus!“
So erklang es an einem Sonntagmorgen in der Kirche.
Der Chor sang die Kantate,
die der Kantor sechs Jahre zuvor komponiert hatte.
Ja, so wird es wohl gewesen sein vor fast 300 Jahren in Leipzig.
Wir schreiben das Jahr 1732,
die deutschen Länder waren damals aufgeteilt
in katholische und evangelische Gebiete.
Zu der Zeit war Johann Sebastian Bach
als Kantor an der Thomaskirche in Leipzig tätig.
Passend zu den Themen der Sonntage
hat er regelmäßig Kantaten komponiert und aufgeführt;
das war immer wieder ein Höhepunkt für die Leipziger Bürger,
die zum Gottesdienst kamen.
 
Und Johann Sebastian Bach fand einen konkreten Anlass,
um die Kantate erneut aufzuführen:
In Leipzig suchte 1732 nämlich
eine große Gruppe an Flüchtlingen Unterkunft.
Sie waren als evangelische Christen
aus dem katholischen Salzburg vertrieben worden.
Einige gingen nach Holland,
doch die meisten fanden Aufnahme
durch den toleranten preußischen König.
So machten sie sich in mehreren Gruppen
auf den weiten Weg nach Leipzig,
insgesamt 1600 Protestanten.
In Leipzig wurden sie freundlich begrüßt,
aber es war auch eine enorme Herausforderung,
so viele Flüchtlinge in der Stadt aufzunehmen.
 
Am folgenden Sonntag kam neben den Lutheranern
eine große Zahl an Flüchtlingen aus Salzburg
in den Gottesdienst.
Die Kantate „Brich mit den Hungrigen dein Brot“
wurde aufgeführt und machte deutlich:
Musik dient nicht nur zur geistlichen Erbauung,
sondern ist ein kräftiger Ruf zu einem Leben nach Gottes Willen.
„Brich mit den Hungrigen dein Brot und die,
so in Elend sind, führe ins Haus.“ –
der Auftakt der Kantate ist mehr als schöne Musik.
Ein Zeitgenosse berichtet aus dem Gottesdienst
mit den aus Salzburg geflüchteten Protestanten:
„ Weil die Prediger mit inbrünstigem Geiste redeten,
und die Salzburger mit ihrem Lebens Wandel predigten,
so war die Bewegung der Gegenwärtigen so groß,
dass fast niemand ohne Weinen aus dem Gottesdienst gegangen ist.“
Wer die Flüchtlinge im Gottesdienst erlebt hat, ist angerührt.
Hilfe ist eigentlich selbstverständlich.
 
Was der Chor in Leipzig damals den Menschen zugesungen hat,
ist viel älter und stammt vom Propheten Jesaja,
der den Menschen zurief: Was helfen dir deine Fasten-Übungen,
dein inszenierter Verzicht vor dem Altar,
wenn du nicht mit anderen in Ihrer Not teilst? –
Es ist seine Anfrage durch alle Zeiten hindurch auch an uns.
 
Unbequem wird´s nun - der Dichter Thomas Gsella
klingt fast wie ein Prophet in unserer Zeit:
„Quarantänehäuser sprießen,
Ärzte, Betten überall,
Forscher forschen, Gelder fließen,
Politik mit Überschall.
Also hat sie klargestellt:
Wenn sie will, dann kann die Welt.
Also will sie nicht beenden
das Krepieren in den Kriegen
das Verrecken vor den Stränden
und das Kinder schreiend liegen
in den Zelten, zitternd, nass.
Also will sie. Alles das.“
 
Jesaja ruft auch heute zur Solidarität mit denen,
die durch die Netze fallen,
zur Hilfe für die Vergessenen in den Lagern dieser Welt,
auf Lesbos, in Nordafrika und anderswo,
und für alle, die hierzulande unter die Räder kommen. -
„Brich mit den Hungrigen dein Brot.“
Gehört zur Fastenzeit nicht auch verzichten lernen?
Verzichten auf Teile des Geldes und des Besitzes,
auf Zeit und eigene Ansprüche.
Verzicht um der anderen willen,
damit Chancen auf Teilhabe und Entwicklung gerechter
verteilt werden.
Verzicht, damit Gerechtigkeit besser wachsen kann unter uns.
Jesaja sagt:
„Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenräte,
und deine Heilung wird schnell voranschreiten,
und deine Gerechtigkeit wird vor dir her gehen und
die Herrlichkeit des Herrn wird deinen Zug beschließen.
Dann wirst du rufen und der Herr wird dir antworten.
Wenn du schreist, wird er sagen: Siehe, hier bin ich.“
Amen.
                                  Günther Suckow, P.